giovedì, aprile 06, 2006

Ein Viertel der Italiener kämpft gegen die Armut

Ministerpräsident Silvio Berlusconi fordert die Italiener stets auf, Schwarzseher zu ignorieren und optimistisch zu sein. Fragt man jedoch Anita, wie sie über die Runden kommt, treten der Witwe Tränen in die Augen. Jeden Morgen um 05.30 Uhr steht die 62-Jährige auf einem römischen Markt und verkauft Fleisch. Von 780 Euro Rente im Monat kann sie in der Hauptstadt nicht leben.

Ihr Sohn hat sich als Computertechniker, Lagerarbeiter, Elektriker und Fabrikarbeiter versucht. Eine dauerhafte Anstellung hat er nicht gefunden. So lebt er mit 30 Jahren noch bei ihr. Die verheiratete Tochter hat selbst zwei Kinder. Sie arbeitet für ein Versicherungsunternehmen, ist jedoch erst vor kurzem ausgezogen. Eine eigene Wohnung konnte sich das Paar zuvor nicht leisten.

„Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet und jetzt schau mich an. In meinem Alter muss ich immer wieder Wunder vollbringen, um es bis zum Monatsende zu schaffen“, sagt Anita. „Ich habe kein Geld, das ich für mich ausgeben kann. Ich kann mir nicht leisten, in den Urlaub zu fahren, zum Friseur zu gehen oder Kleidung zu kaufen. Siehst Du das?“ Die ehemalige Lehrerin zupft ein Stück roten Pullovers unter ihrer Schürze hervor. „Der gehörte meiner Mutter. Sie ist vor zehn Jahren gestorben.“

Die Stagnation der Wirtschaft liegt bleiern auf dem Land und sollte eigentlich das größte Thema im Wahlkampf sein. Der harte Schlagabtausch zwischen den Kontrahenten und die wortgewaltigen Verbalattacken des Regierungschefs übertönen aber auch hier jede Diskussion.

Viele Italiener kämpfen hart um ihr Auskommen und fürchten sich eigenen Angaben zufolge vor der Zukunft. Berlusconi sagt, die Lage würde schlecht geredet, und beschuldigt seinen linken Herausforderer Romano Prodi, die Ängste der Menschen zu schüren. „Wo ist die Krise?“, fragte er jüngst. Es sei nicht wahr, dass es mit Italien den Bach runtergehe. „Das ist eine Lüge. Eine vorsätzlich von denen erdachte Geschichte, die Pessimismus verbreiten und die Regierung aus dem Amt zwingen wollen.“

Jenen Italienern, die jeden Cent umdrehen müssen, erscheint das wie Hohn. „Wenn ich Politiker so reden höre, frage ich mich, ob sie in einem anderen Land leben“, sagt Ciro D’Antonio. Der 31-jährige Ingenieur ist bei einem internationalen Unternehmen in Neapel angestellt. „Ich arbeite seit zwei Jahren und möchte heiraten. Aber mit meinem Lohn von 1200 Euro monatlich muss ich strampeln.“

Zum zweiten Mal in drei Jahren ist die italienische Wirtschaft 2005 gar nicht gewachsen. Die Exportwirtschaft verliert seit Mitte der 90er Jahre Marktanteile. Die Staatsverschuldung stieg im vergangenen Jahr erstmals seit einem Jahrzehnt. Das Defizit war das höchste seit 1996. Den Geldmangel spüren die Italiener am eigenen Leib. In Umfragen zeichnen sie ein düsteres Bild, das so gar nicht dem Klischee des lebenslustigen und genießerischen Volkes entsprechen will. Dem Forschungsinstitut Eurispes zufolge ist jede vierte Familie - rund 15 Millionen Italiener - bereits arm oder droht, in die Armut abzurutschen. 58 Prozent der Befragten sagten, das Geld reiche nur mit Mühe bis zum Monatsende. Mehr als Zweidrittel versuchen beim Urlaub, bei Geschenken und Freizeitvergnügungen zu sparen.

Sozialarbeiter haben es nicht länger nur mit Obdachlosen oder Arbeitslosen zu tun. Immer häufiger suchen auch ganz normale Italiener in karitativen Einrichtungen nach Hilfe. „Sie kommen mit ihren Rechnungen“, berichtet Vincenzo La Monica von der Caritas in Ragusa. „Viele kommen nur so lange zurecht, bis etwas Unerwartetes passiert, sei es Krankheit oder die Geburt eines Kindes.“ Viele Italiener halten weder Berlusconi noch Prodi für fähig, diese Probleme zu lösen. „Der Eine sagt, alles ist gut. Der andere verspricht uns Dinge, von denen keiner weiß, wie er sie erreichen will“, sagt ein 55-jähriger Greißler in Rom. „Ich weiß noch nicht, wen ich wähle. Ich weiß nur, dass dieses Land die Kurve kriegen muss.“