"Das war ein Höhepunkt"
„Benito Mussolini hat niemanden umgebracht“, „Ich bin der Jesus Christus der Politik - ein Verfolgter, ich opfere mich für alle“, „Nur Napoleon hat mehr geleistet als ich“ und vor wenigen Tagen die Aussage, in China seien Babys gekocht worden, um als Dünger verwendet zu werden: Silvio Berlusconi sorgt sei Jahren mit Unwahrheiten und Skurrilitäten international für Schlagzeilen. Südtirol Online hat mit Micaela Taroni, Italien-Korrespondentin der österreichischen Nachrichtenagentur APA, über die Konsequenzen solcher Äußerungen gesprochen.
Südtirol Online: Die chinesischen Kommunisten unter Mao haben - laut Berlusconi - Babys gekocht, um sie als Dünger zu verwenden. Was denkt die Auslandspresse in Rom über eine solche Aussage?
Micaela Taroni: Das war natürlich ein Höhepunkt in den Äußerungen Berlusconis der vergangenen fünf Jahre. Berlusconi hat in dieser Zeit Politik mit Infotainment verbunden. Eigentlich sind wir daran gewohnt. In dieser Wahlkampagne sind allerdings Töne erreicht worden, die selbst für Berlusconi unüblich sind. Die Auslandspresse in Rom bewertet das als Zeichen der zunehmenden Nervosität Berlusconis, der Schwierigkeiten bei Inhalten eben oft mit solchen Aussagen zu überdecken versucht.
STOL: Die chinesische Regierung hat sofort protestiert und von „haltlosem Gerede“ gesprochen. Berlusconi weiß natürlich, dass er einen diplomatischen Zwischenfall heraufbeschwört. Warum tut er es trotzdem?
Taroni: Derzeit sieht sich Berlusconi nicht mehr in seiner institutionellen Rolle als Regierungschef, sondern als Wahlkämpfer, der verzweifelt um die Stimmen der gemäßigten Wähler buhlt. Dabei setzt er auf das in Italien beliebte Thema „Kampf gegen die Kommunisten“. Damit hofft er in den Umfragen die Stimmen der gemäßigten Wählerschaft zurückzugewinnen, die seiner Bewegung „Forza Italia“ den Rücken zu kehren scheinen.
STOL: Berlusconi hat in den vergangenen Jahren viele skurrile Äußerungen gemacht. Welche hat Italien besonders geschadet?
Taroni: Beispiele gibt es viele. In den vergangenen Wochen hat sich Berlusconi ja mit Napoleon und mit Jesus verglichen. Sehr geschadet hat aber die Aussage im EU-Parlament in Strassburg, als er zu Martin Schulz, dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokraten, gesagt hat, er schlage ihn für die Rolle des Lagerchefs in einem Film über die Nazi-Konzentrationslager vor. Das war ein Tiefpunkt auf internationaler Ebene, zumal er das bei seiner Antrittsrede als italienischer EU-Ratspräsident gesagt hat. Das hat Italien in ein sehr schlechtes Licht gerückt.
STOL: Berlusconi behauptet, Italien habe dank seiner Regierung international an Prestige gewonnen. Kritiker behaupten das Gegenteil.
Taroni: Man kann nicht leugnen, dass sich Berlusconi bemüht hat, mit bestimmten Staaten gute Beziehungen aufzubauen. Das gilt für die USA, für Großbritannien und für einige nordafrikanische Staaten und einige arabische Länder. Andererseits hat er durch seine manchmal extremen Positionen und seine oft undiplomatische Haltung auch Schwierigkeiten verursacht.
STOL: Ist das politische Gewicht Italiens unter Berlusconi international gestiegen oder gesunken?
Taroni: Meiner Meinung nach hat Berlusconi nicht gerade geholfen, das internationale Ansehen Italiens zu steigern.
STOL: Welche Meinung haben sich die Auslandskorrespondenten in Rom vom Regierungschef in den vergangenen fünf Jahren gemacht?
Taroni: Die ausländische Presse in Rom ist ziemlich Berlusconi-kritisch orientiert, nicht nur wegen seiner Interessenskonflikte, sondern weil das neue Wirtschaftswunder, das er 2001 versprochen hat, nicht eingetreten ist. Er hat viele seiner Wahlversprechen nicht verwirklicht: Die Lage der italienischen Wirtschaft ist nicht rosig, sie befindet sich am Rande der Stagnation. Andererseits befürchten die Korrespondenten natürlich, dass die politische Berichterstattung über Italien nach einem Regierungswechsel weniger bunt sein könnte. Ohne Berlusconi könnte die italienische Politik langweilig werden, schließlich hat er für Aufregung gesorgt.
STOL: Welche Meinung habe Sie sich über Silvio Berlusconi gebildet?
Taroni: Silvio Berlusconi muss in der Politik bleiben, auch wenn er die Wahl verliert und er wird bleiben. Er hat keine Alternativen.
STOL: Warum?
Taroni: Weil er Probleme mit der Justiz hat. (Anm.d.Red.: Italienische Parlamentarier genießen Immunität)
STOL: Die Wahlen stehen unmittelbar bevor. Wie ist ihrer Ansicht nach die Stimmung in Rom?
Taroni: Für die Regierungsparteien sieht es derzeit sehr schlecht aus. Es wird zu einem Regierungswechsel kommen.
Interview: Rupert Bertagnolli
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